Umgang mit Minderheiten

Iran beschlagnahmt die Ringe, das Spielzeug und die Beschwerden

Neunundsechzig Bahai hinter Gittern, Hausdurchsuchungen von Schiras bis Yazd, eine Frau, die wegen Verstoßes gegen das heilige Gesetz des Islam zu mehr als fünf Jahren Haft verurteilt wurde, und Sicherheitskräfte, die mit Eheringen und Kinderspielzeug abziehen. In der Islamischen Republik ist die Verfolgung einer religiösen Minderheit zugleich fromme Pflicht und Einnahmequelle geworden. Eine bescheidene, sagen Ökonomen. Es geht ums Prinzip.

Gefährliche Leser

Am 13. September durchsuchten Geheimdienstagenten zwei Bahai-Wohnungen in Yazd. In einer davon hatten sich zehn junge Bahai versammelt, um gemeinsam Bücher zu lesen. Die Agenten beschlagnahmten ihre Telefone sowie Laptop und Tablet des Gastgebers, ohne eine Rechtsgrundlage zu nennen. In der Islamischen Republik ist ein Lesekreis offenbar eine Zelle. Am nächsten Morgen durchsuchten Sicherheitskräfte in Schiras die Wohnungen von Sarina Zaeri, 20, Barbad Sepehri, 21, und Arshia Jaberi, 19, und brachten alle drei an einen unbekannten Ort, wie Iran International und die Menschenrechtsorganisation HRANA berichten. Bei Sepehri blieben die Agenten von 6 bis 10 Uhr morgens. Zaeri leidet an einer Atemwegserkrankung, ihre Familie sorgt sich um ihre Gesundheit.

Beschlagnahmte Beschwerden

Am 20. September durchsuchten Agenten in Schiras die Wohnungen von fünf Mitgliedern der Familie Zare sowie die von Pejman Zares Ehefrau Nazanin Nikouseresht. Sie nahmen elektronische Geräte, Bahai-Bücher und -Bilder, Reisepässe, Gold und Devisen mit, diskriminierende Bemerkungen gab es gratis dazu. Außerdem stellten sie die Unterlagen der Beschwerden sicher, die Pejman Zare wegen seiner früheren Inhaftierung eingereicht hatte. Nachdem der Staat die Beschwerden beschlagnahmt hatte, bestellte er die Beschwerdeführer ein: Fünf Familienmitglieder wurden aufgefordert, sich am 23. September im Geheimdienst-Haftzentrum von Schiras zu melden. Ohne Begründung, ohne bekannte Anklage.

Das Verbrechen: die falsche Religion

Am 23. September wurde bekannt, dass Romina Goli, eine Bahai aus Sari, zu fünf Jahren, sieben Monaten und sechzehn Tagen Haft sowie zehn Jahren Entzug der bürgerlichen Rechte verurteilt worden war. Fünf dieser Jahre ahnden Bildungs- oder Werbeaktivitäten, die als „im Widerspruch zum heiligen Gesetz des Islam stehend oder dieses störend“ eingestuft wurden. Der Rest gilt Propaganda gegen das Regime. Die tagesgenaue Präzision ist das einzig Gründliche an der Akte.

Der Bahai-Glaube entstand im 19. Jahrhundert in Persien. Doch anders als Christen, Juden und Zoroastrier genießen seine Anhänger nicht den Schutz von Artikel 13 der iranischen Verfassung. Die Islamische Republik duldet die alten Minderheiten und jagt die jüngste Religion, die Persien je hervorgebracht hat.

Spione, natürlich

Laut Amnesty International hat sich die Verfolgung seit dem Zwölftagekrieg mit Israel im Juni 2025 verschärft, begleitet von einer staatlichen Kampagne, die Bahai fälschlich als israelische Spione und Kollaborateure darstellt. Der Vorwurf stützt sich auf die Geografie: Das Weltzentrum und die heiligen Stätten des Glaubens liegen in Haifa und Akkon. Warum dort? Weil Persien seinen Gründer 1853 verbannte und die Osmanen ihn 1868 weiter nach Akkon schickten, achtzig Jahre bevor es Israel gab. Kurz gesagt: Teheran hat den angeblichen Spion selbst dem angeblichen Feind zugestellt, mit acht Jahrzehnten Vorsprung.

Haft ohne Ärzte und ohne Anklage

Mit Stand 25. September zählte die Baha'i International Community 69 Bahai, die wegen ihres Glaubens festgehalten oder inhaftiert sind, 35 Frauen und 34 Männer, dazu mindestens 21, die ihre Strafe unter elektronischer Überwachung oder im Hafturlaub verbüßen. Einige werden von den Revolutionsgarden oder an unbekannten Orten festgehalten, es wird von Misshandlungen berichtet. Roya Sabet, die nach einem Sturz mit schweren Nacken- und Rückenverletzungen im Adelabad-Gefängnis in Schiras sitzt, erlitt im August einen Abfall ihrer Sauerstoffsättigung auf 70 Prozent. Ihren Anträgen auf Behandlung außerhalb des Gefängnisses wurde nicht stattgegeben, und ihr Antrag, den Rest ihrer zehnjährigen Strafe unter elektronischer Überwachung zu verbüßen, ist weiterhin unbeantwortet. In Isfahan sitzt Sarir Moghen seit fast einem Monat in Einzelhaft, ohne Telefonate und ohne bekannte Anklage.

Justiz zum Preis eines Menschenlebens

Freizukommen ist teuer. Elham Khollas Ardestani, 53, wurde am 19. September gegen eine Kaution von zwei Milliarden Toman freigelassen, ohne dass Anklagepunkte öffentlich gemacht wurden. Nach Angaben von Padideh Sabeti, Sprecherin der Baha'i International Community, setzen Richter mitunter Kautionen in Höhe von hundert Jahreslöhnen eines Durchschnittsbürgers fest, während Diskriminierung Bahai ohnehin daran hindert, ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Die Razzien treiben die Rechnung weiter in die Höhe: Menschenrechtsbeobachter berichten, dass Agenten Gold, Elektronik, Arbeitsgeräte, Eheringe und Kinderspielzeug abtransportieren. Für den in Paris lebenden Journalisten Sajjad Khodakarami ist es schlicht Barbarei, einem Paar die Ringe oder einem Kind das Spielzeug wegzunehmen.

Jetzt für alle offen

Die Methode greift um sich. Teheran hat die Beschlagnahme des Vermögens von mehr als 400 Menschen im Ausland angeordnet, die es als Unterstützer des Feindes brandmarkt, darunter Schauspieler, Sportler und Journalisten. Im Inland erhielt Sadegh Saedinia, Geschäftsführer einer Café-Kette, zwölf Jahre Haft und die Einziehung seines gesamten Besitzes, weil er über Proteste in Ghom gepostet hatte. Für Khodakarami wird ein zuerst an den Bahai erprobtes Instrument nun gegen die gesamte Gesellschaft gerichtet: „die Ökonomisierung der Repression“.

Lohnt es sich wenigstens? Kaum. Die in London ansässige Analystin Arezoo Karimi bezeichnet die Erlöse im Vergleich zum iranischen Haushaltsdefizit als unbedeutend und weist darauf hin, dass beschlagnahmtes Eigentum häufig unter Marktwert an politisch gut vernetzte Käufer versteigert wird. Die Verfolgten verlieren ihre Eheringe. Die gut Vernetzten machen ein Schnäppchen.

Die Bahai waren Irans Prüfstand. Die Ergebnisse liegen vor, und das Produkt ist nun landesweit erhältlich.

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